PRoKita - Plurale Rollenkonflikte und Kollektivbewusstsein in Kitas

Zeitraum: 01.11.2023 bis 31.12.2025

Projektleitung: Prof. Dr. Sigrid Betzelt (HWR Berlin) und Prof. Dr. Ingo Bode (Universität Kassel)

Wissenschaftliche Mitarbeitende: Johannes Eckstein (HWR Berlin), Femke Goergen (Universität Kassel)

Finanziert durch die Hans-Böckler-Stiftung.

Inhalt

An Kitas richten sich heute multiple gesellschaftliche Erwartungen (Bildung, Erziehung, Betreuung), die sich durch die Diversität der Adressat:innen noch erweitern, und dies bei begrenzten Ressourcen. Spannungen und Rollenkonflikte sind zu erwarten. Das Projekt hat untersucht, was daraus für die Organisationen und ihr Personal resultiert, v.a. mit Blick auf Dynamiken des Kollektivbewusstseins.

Für die Forschung zur aktuellen Arbeitswelt sind soziale Berufe und ihre Organisationskontexte zunehmend relevant – das gilt auch für Kindertageseinrichtungen (Kitas), die typisch sind für den ‚feminisierten‘ Care-Sektor. Diskutiert werden hier u.a. Anerkennungsdefizite, eine lückenhafte Interessenvertretung und eher zögerliche Professionalisierungsprozesse – obgleich zwischenzeitlich Veränderungen (z.B. selbstbewusstere Orientierungen in Arbeitskonflikten) zu beobachten waren. Die Entwicklung von Kitas vollzieht sich im Kontext divergenter gesellschaftlicher Erwartungen, einhergehend mit einem immer anspruchsvolleren Leistungsauftrag, der sich durch die Diversität der Adressat:innen noch kompliziert („Bildungspanik“; Inklusion; Kinderschutz). Hinzu kommen unterschiedliche ‚Trägerphilosophien‘ sowie Spannungen zwischen formalisierten Qualitätsnormen und der ‚eigentlichen‘ Interaktionsarbeit – all dies bei begrenzten Ressourcen (u.a.  wegen Personalmangels) und mit multiplen Berufsrollen.

Das Forschungsvorhaben hat im Kern untersucht, wie sich die o.g. Gemengelage in den Arbeits- und Organisationsprozessen des Sektors niederschlägt, v.a. mit Blick auf Bewusstseinsstrukturen. Von zentralem Interesse waren dabei die Struktur der bestehenden (multiplen) Leistungserwartungen und daraus resultierende Rollenkonflikte. In den Fokus rückten damit in der Forschung bislang unterbelichtete Aspekte wie die Ambivalenz solcher Erwartungen im Zuge der Funktionserweiterung von Kitas; die Komplexität der Interaktionsarbeit, u.a. mit Eltern, in diesem Kontext; sowie Rollenkonflikte im Organisationsalltag und ihre Konsequenzen für kollektives Handeln auf der betrieblichen wie überbetrieblichen Ebene. Die Erkenntnisse sind relevant für die Debatte zu Problemen und Potenzialen der organisierten Interessenvertretung im fraglichen Sektor, bilden aber zugleich die Grundlage für eine kritische Reflexion der auf ihn projizierten gesellschaftlichen bzw. sozialpolitischen Erwartungen.

Das Untersuchungsfeld umfasste Kitas und ihr Personal im gesamten Elementarbereich (1-6-Jährige), wobei auch Eltern einbezogen wurden. Im Zentrum standen qualitative Organisationsfallstudien sowie Expert:innen-Gesprächen aus überbetrieblichen Arbeitszusammenhängen. Durchgeführt wurden Fallstudien in vier (kommunalen und frei-gemeinnützigen) Einrichtungen mittleren und großen Umfangs, die verschiedene Klientelprofile in großstädtischen Räumen Ost- und Westdeutschlands aufweisen: zwei in so genannten sozialen Brennpunkten und zwei in eher „bildungsbürgerlich“ geprägten oder sozial durchmischten Stadtteilen. Überdies wurde ein Scoping Review zur Erwartungskultur der FBBE vorgenommen.

Verwendung fanden verschiedene Datenquellen und -sorten (Dokumente, halbstrukturierte Interviews, Fokusgruppendiskussionen; Expert:innen-Gespräche; Medienanalysen). Die Auswertungen waren hermeneutisch orientiert und erfolgten auch mit Blick auf Möglichkeiten zur theoretischen Generalisierung der Befunde.

Ergebnisse:

Die Agenda von Kitas und die ihnen zugrundeliegenden Erwartungen erweist sich im fortschreitenden 21. Jahrhundert nicht nur als sehr umfassend, sondern ist durch vielfache Inkonsistenzen geprägt (z.B. Subjektorientierung und sozial inklusive Einzelförderung versus standardisierte Schulvorbereitung); zudem wird Erwartungsdruck Gegenstand formalisierter und kontrollierter Verfahren (v.a. im Bereich Inklusion), während sich Prozesse spezieller Förderung als (regulierungsbedingt) desorganisiert darstellen. Daraus erwachsen bei Beschäftigten und in Teams diverse Rollenkonflikte und letztlich Rollenkonfusion unter hohem Improvisations- und Priorisierungsdruck, was entmächtigend wirkt. Verantwortlich dafür sind nicht nur Zeit- und Personalmangel, sondern v.a. eine strukturelle Aufgabenüberfrachtung sowie ein Umfeld, das stets Optimierung fordert. Verstärkt wird dies durch Maßnahmen der Output- und Qualitätssteuerung, die den Arbeitsaufwand für Dokumentation u.ä. erhöhen, was als wenig sinnhaft erlebt wird. All dies befördert individualisierte Bewältigungsstrategien, während das kollektive Bewusstsein als Berufsgruppe sowie die Arbeitskampfbereitschaft eher schwach ausgeprägt scheinen. 

Publikationen: 

Betzelt, Sigird, Ingo Bode, Johannes Eckstein, Femke Goergen und Sarina Parschick (2026). Schöne neue Kita-Welt. Rollenkonfusion und Entmächtigung in einem überfrachteten Arbeitsfeld. Bielefeld: transcript https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7967-0/schoene-neue-kita-welt/

Betzelt, Sigrid, Johannes Eckstein und Femke Goergen 2026. Kita zwischen Anspruch und Wirklichkeit – nur ein Ressourcenkonflikt? In Vera Eling, Michelle Meier, Magdalena Molina Ramirez und Franka Baron (Hg.), Konflikte in der Praxis der Pädagogik der frühen Kindheit. Verschiedene Sichtweisen auf ein ‚alltägliches‘ Phänomen (S. 204-224), Weinheim: Beltz Juventa.

Betzelt, Sigrid und Femke Goergen (2026). Ein Danaer-Geschenk für die Stiefkinder der Arbeitsgesellschaft?. Die ‚Aufwertung‘ der Kita-Arbeit im Kontext einer oktroyierten Professionalisierungsagenda, DIFIS-Studie 2026/3: Arbeit – Macht – Würde. Machtasymmetrien und Würdeverletzungen in Arbeitskontexten, S. 58-76, https://difis.org/publikationen/publikation/129. Duisburg/Bremen: Deutsches Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung.

Bode, Ingo, Jonathan Krause und Hannu Turba (2026). Grenzziehungsprobleme in Organisationen des Sozial- und Bildungswesens: Praxiskonstellationen im Spannungsfeld von Mandatierung, Spezialisierung und Fallbezug, Neue Praxis , 20, S. 119-127.

Bode, Ingo und Femke Goergen (2026). Multiprofessionalität im Kita-Sektor: Stakeholder-Diskurse als Spiegel einer diffusen Entwicklungsagenda. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 46(3) (i.E.).

Eckstein, Johannes und Femke Goergen (2026). Wunderwaffe Kita: Vom Mythos der Aufwertung einer „Bildungsinstitution", Vierteljahreshefte zur Arbeits-und Wirtschaftsforschung, 2025(2), S. 335-350. https://elibrary.duncker-humblot.com/article/76412/wunderwaffe-kita-vom-mythos-der-aufwertung-einer-bdquobildungsinstitutionldquo

Betzelt, Sigrid, Ingo Bode und Johannes Eckstein (2025). Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor. Eine problemerschließende Scoping Review zur Neuprogrammierung des Arbeitsfelds(Öffnet in einem neuen Fenster), Working Paper Forschungsförderung 361, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, 51 Seiten.

Bode, Ingo und Johannes Eckstein (2025). Anerkannt untergehen? Diskursdiffusität und Rollenkonfusion im zeitgenössischen Kita-Sektor(Öffnet in einem neuen Fenster), Arbeits- und Industriesoziologische Studien, 18, S. 67-79.

Weitere Informationen auf der HBS Projektseite.